Herbststurm – was hält die CDU noch?

Drei Landtagswahlen haben den Anspruch der CDU als Volks- und Führungspartei erschüttert.

Drei Landtagswahlen haben den Anspruch der CDU als Volks- und Führungspartei erschüttert. Mit Max Webers Kategorien von Berufung, Verantwortung und Augenmaß lässt sich präziser fragen, woran politische Führung heute Legitimität gewinnt – und warum sich auch das Verhältnis der CDU zu ihren Wählerinnen und Wählern verändern muss.

Drei Landtagswahlen haben die Lage der CDU innerhalb weniger Wochen grundlegend verändert. In Sachsen-Anhalt fiel sie am 6. September 2026 auf 17,2 Prozent der Zweitstimmen und verlor gegenüber 2021 19,9 Prozentpunkte; die AfD erreichte 43,8 Prozent. Zwei Wochen später scheiterte die CDU in Mecklenburg-Vorpommern mit 4,9 Prozent erstmals am Einzug in den Landtag. In Berlin erreichte sie am selben Tag 18,8 Prozent der Zweitstimmen und verlor gegenüber 2023 9,5 Prozentpunkte. Drei Länder, drei unterschiedliche politische Konstellationen und drei unterschiedliche Landesverbände verbieten zwar eine monokausale Erklärung. In ihrer Kumulation stellen diese Wahlergebnisse dennoch eine Frage, die tiefer reicht als die übliche Suche nach Wahlkampffehlern, Kandidatenproblemen oder bundespolitischem Gegenwind: Droht der CDU nicht nur der Verlust von Wählerstimmen, sondern der Verlust ihres politischen Status? Gemeint ist damit nicht vorschnell das „Ende der Volkspartei“. Wissenschaftlich lässt sich ein solcher Status ohnehin nicht an einer einzelnen Prozentzahl festmachen. Volksparteien zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass sie gesellschaftlich breit verankert sind, unterschiedliche soziale Gruppen integrieren und über eine entsprechende elektorale Repräsentationsfähigkeit verfügen (Niedermayer, 2021). Gerade diese Fähigkeit zur gesellschaftlichen Integration war über Jahrzehnte eine der zentralen Ressourcen der Union. Ein historisch erworbener Status ist jedoch kein politischer Besitzstand. Eine Partei bleibt nicht Volkspartei, weil sie es einmal gewesen ist, und Regierungsfähigkeit begründet noch keine dauerhafte Führungsautorität. Hier beginnt die Aktualität Max Webers.

Politik als Beruf – und als Berufung?

Der Titel von Webers berühmtem Vortrag aus dem Jahr 1919 wird häufig zu harmlos gelesen. Politik als Beruf bezeichnet nicht einfach die Tätigkeit professioneller Politiker. Weber stellt eine anspruchsvollere Frage: Welche Voraussetzungen muss jemand erfüllen, der Politik nicht lediglich betreibt, sondern sich tatsächlich zur Politik berufen fühlen darf? Dabei unterscheidet Weber bekanntlich zwischen Menschen, die „für“ die Politik leben, und solchen, die „von“ der Politik leben. Diese Differenz darf nicht moralistisch missverstanden werden. Weber beschreibt zunächst eine ökonomische Unterscheidung. Wer „von“ der Politik lebt, gewinnt aus ihr dauerhaft sein Einkommen; wer im engeren Sinne „für“ die Politik lebt, ist davon wirtschaftlich unabhängig. Beides kann und muss sich in modernen Demokratien verbinden, denn professionelle Politik ist weder verzichtbar noch an sich problematisch. Problematisch wird Professionalisierung erst dort, wo sich das Verhältnis von Mittel und Zweck verschiebt und politische Ämter, Mandate, innerparteiliche Positionen oder die Reproduktion der eigenen Karriere vom Mittel politischen Handelns allmählich zu dessen eigentlichem Zweck werden. Damit berührt Weber eine Frage, die ein Jahrhundert später von der Parteienforschung systematischer gefasst worden ist. Parteien und ihre Führungen verfolgen unterschiedliche, miteinander konkurrierende Ziele: politische Inhalte durchsetzen (policy seeking), Wähler gewinnen (vote seeking) und politische Ämter erlangen oder erhalten (office seeking). Keine demokratische Partei kann auf eine dieser Dimensionen vollständig verzichten. Problematisch wird das Verhältnis jedoch, wenn der Erhalt politischer Ämter gegenüber der Durchsetzung politischer Ziele strukturell dominant wird. Gerade Parteiführungen besitzen nach der einschlägigen Forschung stärkere Anreize zum office seeking als die Parteibasis (Ennser-Jedenastik, 2021; Müller & Strøm, 1999). Damit erhält Webers alte Unterscheidung eine frappierende Gegenwartsnähe. Die entscheidende Frage an eine etablierte Partei lautet nicht allein, ob sie über professionelle Politiker verfügt, sondern wofür diese Politiker Macht wollen.

Leidenschaft – oder blosser Machtwille?

Auch Webers viel zitierter Begriff der Leidenschaft ist deshalb sorgfältiger zu lesen. Leidenschaft bedeutet für ihn gerade nicht emotionale Erregung, rhetorische Härte oder demonstrative Entschlossenheit, sondern Hingabe an eine „Sache“. Dass Politiker um Ämter kämpfen, ihre Führungsposition verteidigen oder Macht behaupten wollen, belegt noch keine Leidenschaft im weberianischen Sinne. Machtstreben gehört für Weber unvermeidlich zur Politik; problematisch wird es dort, wo es sich von der Sache löst und der persönlichen oder organisationalen Selbstbehauptung dient. Weber bezeichnet Unsachlichkeit und Verantwortungslosigkeit deshalb als politische „Todsünden“ und warnt besonders vor der Eitelkeit des Politikers (Weber, 1919/1988). Gerade deshalb wäre es voreilig, der heutigen CDU-Führung allein aufgrund ihrer Entschlossenheit Leidenschaft im weberianischen Sinne zu attestieren. Damit gewinnt auch der Begriff des Opportunismus eine präzisere Bedeutung. Er sollte nicht zur psychologischen Unterstellung gegenüber einzelnen Politikerinnen und Politikern werden, sondern als Beschreibung einer politischen Handlungslogik verstanden werden. Opportunistisch würde Politik dort, wo Positionen nicht primär danach gewählt oder verändert werden, welche Problemlösung langfristig für richtig gehalten wird, sondern danach, welche Entscheidung kurzfristig Macht, Amt, innerparteiliche Stellung oder öffentliche Zustimmung stabilisiert. Genau an dieser Grenze entscheidet sich, ob Politik Berufung bleibt oder lediglich zum Beruf wird.

Die CDU und der Habitus institutioneller Selbstverständlichkeit

An diesem Punkt lässt sich Weber produktiv mit Pierre Bourdieus Begriff des Habitus verbinden. Habitus bezeichnet nicht den individuellen Charakter eines Politikers, sondern verinnerlichte Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsmuster, die innerhalb eines sozialen Feldes entstehen und den dort Handelnden selbstverständlich erscheinen. Auf eine über Jahrzehnte dominante Regierungspartei übertragen kann daraus ein Habitus institutioneller Selbstverständlichkeit entstehen. Die CDU ist hierfür ein nahezu idealtypischer Fall. Sie hat die Bundesrepublik über Jahrzehnte geprägt, wiederholt die Bundesregierung und zahlreiche Landesregierungen geführt und besitzt bis heute eine ausgeprägte kommunale und institutionelle Verankerung. Regierungsfähigkeit wurde dadurch nicht nur zu einem politischen Anspruch, sondern zu einem Bestandteil ihrer organisationalen Identität. Pragmatismus, Verwaltungsfähigkeit und die Integration unterschiedlicher gesellschaftlicher Interessen waren dabei lange erhebliche Stärken, weil sie der Union ermöglichten, sich gerade nicht als enge Milieu- oder Weltanschauungspartei zu verstehen. Doch aus dieser Stärke kann eine Schwäche entstehen. Wer politische Führung über Jahrzehnte als Normalzustand erlebt, läuft Gefahr, zwischen politischer Autorität und institutioneller Position nicht mehr hinreichend zu unterscheiden. Dann wird die eigene Regierungsfähigkeit vorausgesetzt, während der Verlust gesellschaftlicher Zustimmung vornehmlich mit äußeren Faktoren erklärt wird: schwierigen Koalitionen, unpopulären Reformen, Kommunikationsdefiziten, ungünstigen Kandidaten oder einem problematischen Zeitgeist. Jeder einzelne dieser Faktoren kann empirisch relevant sein. In ihrer Summe können solche Erklärungen jedoch verhindern, dass die grundlegendere Frage gestellt wird, warum es einer Partei nicht mehr gelingt, relevante Teile der Gesellschaft davon zu überzeugen, dass sie deren Wirklichkeit angemessen wahrnimmt und politisch repräsentiert.

Der veränderte Wähler

Diese Frage stellt sich heute unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Der Wähler ist nicht notwendig aufgeklärter oder rationaler geworden, wohl aber weniger selbstverständlich gebunden. Die Wahlforschung beschreibt für Deutschland eine langfristige Lockerung traditioneller Parteiidentifikationen und eine stärker differenzierte, weniger dauerhaft an einzelne Parteien gebundene Wählerschaft. Dalton (2012) bezeichnet politisch interessierte und kognitiv mobilisierte Bürger, die für ihre politischen Entscheidungen weniger auf traditionelle Parteisignale angewiesen sind, als Apartisans. Die Erosion fester Bindungen erweitert individuelle Entscheidungsspielräume und erhöht zugleich die elektorale Beweglichkeit. Der Bürger entscheidet eigenständiger, kombiniert politische Positionen stärker selbst und ist weniger bereit, einer Partei dauerhaft aus Milieu-, Traditions- oder Loyalitätsgründen zu folgen. Diese größere Entscheidungsautonomie darf allerdings nicht mit Immunität gegenüber politischer Beeinflussung verwechselt werden. Auch der weniger parteigebundene Bürger urteilt unter Bedingungen begrenzter Aufmerksamkeit, konkurrierender Informationsangebote und emotionaler Ansprache. Eine experimentelle Studie zur Auswahl migrationspolitischer Nachrichten in Deutschland zeigt sowohl einen deutlichen Negativitätsbias als auch eine ausgeprägte Präferenz für Informationen, die mit bereits bestehenden Einstellungen übereinstimmen; vorbestehende Überzeugungen erwiesen sich dabei sogar als stärkerer Prädiktor der Nachrichtenauswahl als die emotionale Rahmung selbst (Spreen & Jost, 2026). Die zeitgenössische Wählerschaft ist damit nicht einfach aufgeklärter und zugleich manipulierbarer. Die Konstellation ist komplexer: Sie ist weniger gebunden und deshalb autonomer in ihren Entscheidungen, bleibt aber empfänglich für Frames, affektive Zuspitzungen, stereotype Deutungen und bestätigende Informationsangebote. Der autonome Wähler ist nicht notwendig der besser informierte und schon gar nicht der gegen politische Vereinfachungen immunisierte Wähler.

Ein verändertes Rollenverständnis politischer Führung

Damit muss sich auch das Rollenverständnis der Politikerinnen und Politiker verändern. Die traditionelle Volkspartei konnte politische Interessen bündeln, Programme formulieren und diese in vergleichsweise stabile gesellschaftliche Milieus hinein vermitteln. Ein vornehmlich vertikales Repräsentationsmodell, in dem die Partei politische Wirklichkeit deutet und diese anschließend ihren Wählern erklärt, stößt unter den Bedingungen schwächerer Parteibindungen zunehmend an Grenzen. Das bedeutet nicht, politischen Stimmungen nachzulaufen. Eine Partei, die ihre Positionen ausschließlich danach bestimmt, was kurzfristig Zustimmung verspricht, würde gerade jenem Opportunismus verfallen, den Weber mit seiner Bindung politischer Leidenschaft an eine „Sache“ begrenzt. Politische Führung muss vielmehr zwei Anforderungen miteinander verbinden, die nur scheinbar im Widerspruch stehen: Standfestigkeit und Responsivität. Responsivität bedeutet dabei mehr als Kommunikation. Bürgerinnen und Bürger erwarten nicht lediglich, dass ihnen politische Entscheidungen verständlicher erklärt werden. Sie erwarten, dass ihre Erfahrungen, Interessen und Wahrnehmungen überhaupt als politisch relevante Wirklichkeit aufgenommen werden. Empirische Untersuchungen zeigen, dass insbesondere die Wahrnehmung politischer Responsivität mit höherer Demokratiezufriedenheit und stärkerem Institutionenvertrauen zusammenhängt; dialogische Beteiligung kann dies zusätzlich stärken, sofern das Verfahren als glaubwürdig und ernsthaft erlebt wird (Vetter & Brettschneider, 2023). Gerade für eine Volkspartei verändert sich damit das Verständnis von Führung. Sie kann Bürger nicht lediglich als Adressaten politischer Botschaften behandeln, sondern muss sie stärker als eigenständig urteilende politische Subjekte begreifen. Das verlangt Zuhören, ohne jeder Stimmung nachzugeben; erklären, ohne zu belehren; widersprechen, ohne zu stigmatisieren; und korrigieren, ohne politische Prinzipien beliebig werden zu lassen. Genau hier erhält Webers Begriff des Augenmaßes seine zeitgenössische Bedeutung: Leidenschaft bindet politische Führung an eine Sache, Verantwortung verpflichtet sie, die gesellschaftlichen Folgen des eigenen Handelns wahrzunehmen, und Augenmaß verlangt die Fähigkeit, zwischen legitimer Standfestigkeit und institutioneller Selbstgewissheit zu unterscheiden. Politische Autorität entsteht deshalb immer weniger allein daraus, dass jemand ein Amt innehat oder für eine traditionsreiche Partei spricht. Sie muss im Verhältnis zu einer weniger gebundenen, selbstständiger urteilenden und zugleich kommunikativ stärker umkämpften Öffentlichkeit immer wieder neu erworben werden.

Die Sprache der Führung

Nach der Niederlage in Sachsen-Anhalt sprach Friedrich Merz selbst von der schwersten Wahlniederlage der CDU seit Jahrzehnten und erklärte zugleich: „Aufgeben ist für mich keine Option.“ Nach dem Ausscheiden der CDU aus dem Landtag von Mecklenburg-Vorpommern bezeichnete er das Ergebnis als „Desaster“, hielt aber an seinem Reformkurs fest und verlangte „Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld“. Diese Sprache ist politisch aufschlussreich, weil sie Führung vor allem als Beharrungsfähigkeit konstruiert. Der politische Führende beweist sich danach dadurch, dass er Widerständen standhält, Kurs hält und sich nicht von kurzfristigen Stimmungen irritieren lässt. Das kann politisch notwendig sein; Reformpolitik, die nur betrieben wird, solange sie populär ist, wäre kaum Reformpolitik. Doch Weber stellt der Leidenschaft und Entschlossenheit ausdrücklich das Augenmaß zur Seite. Augenmaß bedeutet für ihn die Fähigkeit, die Realität mit innerer Distanz auf sich wirken zu lassen und damit auch das eigene Handeln und den eigenen Machtanspruch einer nüchternen Prüfung zu unterziehen. Nach drei schweren Wahlergebnissen besteht Führungsstärke deshalb nicht allein darin, unbeirrt weiterzumachen. Sie besteht ebenso darin, unterscheiden zu können, ob Widerstand entsteht, weil eine notwendige Politik unpopulär ist, oder weil wesentliche politische Annahmen, Prioritäten und Formen der Vermittlung tatsächlich revisionsbedürftig sind. Wer jede Kurskorrektur mit Führungsschwäche verwechselt, besitzt möglicherweise Standfestigkeit, aber noch kein Augenmaß. Gerade unter den Bedingungen einer weniger gebundenen Wählerschaft kann ein Habitus, der Beharrlichkeit primär mit Stärke und Revision primär mit Schwäche verbindet, zum politischen Problem werden.

Wenn Berufspolitik sich selbst reproduziert

Hier liegt möglicherweise das grundsätzlichere Problem moderner Volksparteien. Professionalisierung verändert Organisationen. Je stärker politische Karrieren innerhalb eines eigenen Feldes stattfinden, desto stärker entstehen spezifische Karrierewege, Sprachformen, Loyalitäten und Selektionsmechanismen. Der erfolgreiche politische Akteur muss nicht nur Wähler überzeugen, sondern zunächst innerhalb seiner Partei Mehrheiten organisieren, Netzwerke bilden, Loyalitäten sichern, Nominierungen gewinnen und institu-tionelle Positionen erwerben. All das ist demokratisch legitim und organisatorisch unvermeidlich. Es erzeugt jedoch einen Selektionsdruck: Politik wird zunehmend zu einem eigenständigen Berufsfeld, dessen interne Rationalitäten sich von den Lebenswelten derjenigen entfernen können, die politisch repräsentiert werden sollen. Je professioneller Politik wird, desto größer kann paradoxerweise die Gefahr werden, dass sie gesellschaftlich als politisches Milieu eigener Art wahrgenommen wird. Genau hier erhält die Frage nach dem Habitus der Führungspersonen ihre eigentliche Bedeutung. Entscheidend ist nicht, ob ein Politiker sympathisch, volksnah oder charismatisch erscheint. Entscheidend ist, ob seine Sprache und sein Handeln erkennen lassen, dass politische Position nicht mit persönlicher Position, Parteierfolg nicht mit gesellschaftlichem Erfolg und Machterhalt nicht mit politischer Verantwortung verwechselt werden. Wo diese Differenzen verschwimmen, nähert sich Politik dem an, was man zugespitzt als Beruf ohne Berufung bezeichnen könnte.

Die eigentliche Gefahr für die CDU

Die jüngsten Wahlergebnisse sind deshalb weniger wegen einzelner Prozentzahlen bedeutsam als wegen ihrer strukturellen Botschaft. In Sachsen-Anhalt verlor eine ehemals dominante Regierungspartei fast zwanzig Prozentpunkte, in Mecklenburg-Vorpommern ihre parlamentarische Repräsentanz, und in Berlin sank die Partei, die 2023 noch stärkste Kraft geworden war, auf 18,8 Prozent. Diese Ergebnisse beweisen nicht, dass die CDU ihren Volksparteienstatus endgültig verloren hat. Sie zeigen aber, dass dieser Status keine selbsttragende Ressource mehr ist. Gerade deshalb wäre es zu wenig, aus ihnen hauptsächlich eine neue Wahlkampfstrategie abzuleiten. Auch eine bloße Verschärfung einzelner Positionen würde das zugrunde liegende Problem nicht notwendig lösen, denn eine Partei kann auf Stimmenverluste opportunistisch reagieren, 5 ohne damit gesellschaftliche Repräsentationsfähigkeit zurückzugewinnen. Wer angesichts wachsender Konkurrenz hauptsächlich fragt, welche Position kurzfristig Stimmen zurückbringen könnte, betreibt zunächst vote seeking. Wer fragt, mit welchen Koalitionen und taktischen Positionierungen Regierungsmacht erhalten werden kann, betreibt office seeking. Beides gehört zur Demokratie. Eine Volkspartei muss jedoch zusätzlich beantworten können, welche politische Sache sie unabhängig von kurzfristigen Konjunkturen vertritt. Erst dann kommt Webers Leidenschaft ins Spiel.

Nicht durchhalten – sich bewähren ist das Gebot

Die entscheidende Herausforderung der CDU lautet daher nicht, ob Friedrich Merz oder andere Führungspersonen genügend Entschlossenheit besitzen. Ebenso wenig lässt sich seriös behaupten, ihr Handeln sei von Opportunismus bestimmt. Motive politischer Akteure können von außen nicht verlässlich diagnostiziert werden. Beobachtbar und politikwissenschaftlich analysierbar ist vielmehr, welche Handlungslogik dominiert: Dient Macht erkennbar der Durchsetzung einer politischen Sache, oder wird die Erhaltung der Macht zunehmend selbst zum politischen Argument? Werden Wahlniederlagen zum Anlass einer ergebnisoffenen Prüfung eigener Annahmen oder hauptsächlich zur Frage, wie verlorene Zustimmung möglichst rasch zurückgewonnen werden kann? Werden gesellschaftliche Konflikte inhaltlich verarbeitet oder vor allem danach bewertet, welche Position parteistrategisch den größten Nutzen verspricht? An solchen Fragen lässt sich unterscheiden zwischen politischer Professionalität und politischem Opportunismus, zwischen Beruf und Berufung. Der CDU mangelt es nicht an professioneller Politik. Gerade darin könnte paradoxerweise ein Teil ihres Problems liegen. Sie verfügt über einen ausgeprägten Apparat, erfahrene Mandatsträger, Regierungswissen, institutionelle Routinen und beträchtliche politische Machtressourcen. Unter den Bedingungen einer erodierenden Volksparteienlandschaft muss sie jedoch die schwierigere Frage beantworten, wozu sie diese Macht will. Max Weber liefert darauf keine christdemokratische Antwort, aber er formuliert den Maßstab, an dem politische Führung geprüft werden kann: Leidenschaft bedeutet Bindung an eine Sache, Verantwortung bedeutet, für die absehbaren Folgen des eigenen Handelns einzustehen, und Augenmaß bedeutet, die Wirklichkeit auch dann wahrzunehmen, wenn sie dem eigenen Selbstbild widerspricht. Erst die Verbindung dieser drei Qualitäten macht aus dem Berufspolitiker jemanden, der zur Politik berufen erscheint. Darin liegt die tiefere Bedeutung der Landtagswahlen des September 2026 für die CDU. Nicht allein die Frage, wer den Parteivorsitz innehat, welcher Landesverband besser organisiert werden muss oder welche Kommunikationsstrategie künftig erfolgreicher sein könnte, steht im Zentrum. Die grundsätzlichere Frage lautet, ob eine historisch außerordentlich erfolgreiche Regierungspartei den Übergang von institutioneller Selbstverständlichkeit zu neu zu erwerbender politischer Legitimität bewältigt. Der Status einer Volkspartei wird nicht vererbt, und politische Berufung zeigt sich nicht daran, wie entschlossen jemand an seinem Amt festhält, sondern daran, ob Macht, Verantwortung und Sache noch erkennbar aufeinander bezogen sind. Wo diese Verbindung verlorengeht, bleibt Politik zwar ein Beruf, aber möglicherweise keine Berufung mehr.